Braune Töne in Deutschland

Wie deutsche rechte Musik in internationalen Markt erobert.
Von Johannes Brümmer und Ullrich Starke
Freitag Abend in einen brandenburgischen Dorf, vor einer Dorfkneipe stehen auffallend viele Autos, meist VW oder Opel. Sie kommen aus der Umgebung und aus Nordvorpommern, Uecker-Randow und Rostock. Ein glatzköpfiges Muskelpaket hält mich auf, fragt nach meinen Ticket für die „Veranstaltung“. Ich reiche es ihm, er nickt und lässt mich durch. Drinnen ist es stickig, schummrig und vor allem laut. Eine Band brüllt gerade Hasstiraden gegen Juden,
es läuft mir eiskalt den Rücken runter. Ich bin auf einen geheimen Nazikonzert, mitten im Brandenburg. Sie finden in
ganz Deutschland statt, Wochenende für Wochenende und meist geht es so konspirativ wie in diesem Falle zu, denn
der Staat schläft nicht, beobachtet die rechte Musikszene und schleust V-Leute in Konzerten. Die Band Noie Werte beginnt das nächste Lied, da bestimmte Textzeilen verfassungswidrig sind, singt das Publikum die betreffenden Passagen selber, juristisch ist da nichts zu machen, dass wissen Bands wie Faustrecht, Nahkampf oder eben Noie
Werte. Nachdem das Konzert vorbei ist, komme ich mit Marc, 27 ins Gespräch, er kommt aus der Gegend, ich täusche Interesse für die Band vor und erhalte von ihm die Nummer eines Versandhandels mit rechtslastiger Musik. So einfach ist es also, rechte Musik zu bekommen. Musik und Rechtsextremismus, beides geht seit Jahrzehnten eine enge Bindung ein, sind in Deutschland trotzdem ein eher wenig lukratives Geschäft. Verlage wie Creative Zeiten oder Funny Sounds bedienen den heimischen wie internationalen Markt mit Bands, die wegen ihrer Liedtexte auf dem
Index stehen. Die Lieder handeln meist von Ausländer verprügeln, Frauen schänden oder dem Vaterlandsstolz, beinahe jede Musikgattung wird damit bedient, ob Gothic, Punk oder Techno, für jeden braunen Musikfan ist etwas dabei.
Bereits 2005 verteilte die NPD in Sachsen die berühmt-berüchtigten Schulhof-CD’s, die von besorgten Hausmeistern und Lehrern flugs wieder eingesammelt wurde. Was bleibt sind die krummen Machenschaften der Versandhändler, die mit ein bisschen Vaterland und viel Rassismus den großen Reibach machen. Und so wird ein Großteil der braunen Musik nicht nur innerhalb Deutschlands verkauft und begeistert gehört, sondern immer öfter auch nach England und den USA, wo einzelne Nazigruppen engen Kontakt zur deutschen Kameradschaften pflegen, vertrieben. Seit Jahren beobachtet der Verfassungsschutz dieses geschäftige Treiben und zeigt sich entsetzt, wenn der Kneipenbesitzer von nebenan deren Lokalitäten für private Feiern mit rechtsextremer Musik vermietet. Die Musik scheint in der Gesellschaft angekommen zu sein, ein bisschen Landser hören und auf die Türken schimpfen gilt in so manchen
Kreisen und Gemeinden als harmlos und wird stillschweigend geduldet. Bands freut das, sie kommen mit Auftritten
kaum noch hinterher und machen ihr Hobby allmählich zum Beruf. Einer der berühmtsten Bands überhaupt
war die Berliner Band Landser, die es seit Mitte 2006 nicht mehr gibt. Deren Frontmann Michael Regner sitzt zur Zeit
in der JVA Tegel, wegen Volksverhetzung und Mitglied einer verfassungsfeindlichen Organisation. Die deutschlandweit bekannte Naziband wurde lange intensiv vom Verfassungsschutz beobachtet, unter
anderen mit Texten wie:
„Ich brauch’ keinen Griechen, um gut essen
zu gehen/ Keinen Nigger, um ein Fußballtor
zu sehen/ Ich will auch kein Arbeiter bei
den Türken sein / Ich will, dass wir uns
vom fremden Pack befrei’n / Tritt einfach
rein das dumme Schwein“.
Die Lieder kamen an bei den Fans und der Erfolg der Band stieg, je mehr sich der Rassismus entwickelte. Trotz Namensänderung und unzähligen Prozessen war 2006 Schluss mit braunem Gegröle. Der Sänger sitzt für drei
Jahre hinter Gittern, die übrig gebliebene Band versucht sich unter neuem Namen und mit T-Shirts auf ihren „ politischen Gefangenen“ aufmerksam zu machen. Die Nachfolger von Landser sind längst in der rechtsextremen Sangesgemeinde etabliert, sie umgehen den juristischen Texten und Gesetzen und umschreiben ihre rassistischen Ansichten und Ziele, verfassungsfeindliche Passagen singt auf Kommando das Publikum lauthals nach.
Zurück in der Kneipe, das Konzert ist schon längst vorbei, als mich 2 Rechtsextreme zu sich nach Hause einladen, Bier trinken und Musik hören. Ich begleite sie, die Fahrt besteht aus einer Unterhaltung mit Hasstiraden gegenüber Türken, Punks und Niggern. Nebenbei läuft eine Nahkampf-CD, sie singen lauthals mit, ihr Hass schwingt dabei erkennbar mit. Die Lieder handeln von Judenvergasung, der Heimat und der SS. Mir wird übel, die Texte werden immer brutaler und ekelerregender. Als wir vor dem Neubau im Nachbarort endlich halten, bin ich froh, dass das Gegröle aufhört. Beim betreten fällt die Reichsflagge sofort auf, er erwähnt stolz, dass er die auf einen Polenmarkt
günstig gekauft habe, und Polen sowieso: Fast alles, was nach Wehrmacht oder SS aussieht, könne man leicht auf den vielen Polenmärkten erstehen. Der Zoll schaut selten genau hin und so schmückt man sich in den deutschen
Wohnzimmern mit alten Flaggen und hängt sich Himmler und Co an die Decke. Nationalstolz auf einer kranken Art und Weise. Der Ältere, ich nenne ihn mal Mike, zeigt mir seine CD-Sammlung, 76 an der Zahl, vieles habe er bereits via mp3 auf seinen iPod gezogen. Auf meine Frage, ob die Nachbarn davon wüssten, dass hier der Nationalsozialismus intensiv gelebt wird, lacht er auf. Die Nachbarn sind arbeitslos, deren Kinder kommen oft vorbei und leihen sich CD’s aus, den Eltern rutscht nach 5 Bieren auch schon mal ein „ Heil Hitler“ raus. In der Gruppe fällt der Nazi nicht auf,
das Dorf ist braun, vom Eingangsschild bis zur Kirchspitze. In der vergangener Zeit beschlagnahmten Polizei und Staatsanwälte immer wieder kistenweise Musikstücke, den Ermittler fällt dabei immer wieder auf, dass die
gefundenen Exemplare teilweise bei 12. und 13. Jährigen lagen. Über das Internet und P2P kann jeder von zu Hause aus bequem seine Nazilieblingsbands kaufen und runterladen, die Polizei schaut hilflos zu, wenn bereits Halbstarke rechte Musik auf ihren mp3-Player hören und ganze Liedtexte auswendig nachsingen. Die Erlöse wandern dabei über undurchsichtige Kanäle in die NPD oder parteinahen Organisationen. Lukrativ ist das Geschäft aber keineswegs, da die braune Musik im Gegensatz zur bunten Musik immer noch veraltert und steif wirkt, ist der Gewinn gering. Zu dem wird meist unter der Hand getauscht, verliehen oder verschenkt. Der Ruf nach einer stärkeren Zensur, auch im Internet ist irrsinnig.
Wo eine Nachfrage besteht, da gibt es immer ein Angebot, dass lässt sich weder mit Zensur noch mit totaler
Überwachung eindämmen. Vielen Experten gilt die braune Musik bereits als Einstiegsdroge in Sachen Rechtsextremismus. Durch die gewaltastigen Texte werden Aggressionen
geschürt und so folgen nicht selten auf Parolen Taten. Gemäß der Parole „Tritt in das dumme Schwein“ verprügelten
Anfang des Jahres minderjährige Rechte in Brandenburg einen Asylbewerber. In den Zimmern der zwei 15 und drei 17 Jährigen fanden sich neben Hitlerposter und Gasmaske auch rechtsextreme Musik auf deren PC. Die Eltern wollten von den Treiben ihrer Sprösslinge nichts gewusst haben. Was weiß schon die Mutter, was für Musik Mamas Sprössling hört?
Bisweilen gleichen Nazikonzerten streng geheimen Funktionärstreffen, Späher suchen die Umgebung nach verdächtigen Leuten oder der Staatsgewalt ab, sie finden nicht öfter in abgelegenden Gebieten statt und werden nur an ausgewählte Nazis bekannt gegeben. Dennoch finden die konspirativen Konzerte immer mehr Anklang in der
rechtsextremen Gemeinde, hier bleibt man unter sich, fachsimpelt über verschiedene Wehrmachtseinheiten und hebt gemeinsam den Hitlergruß. Nur manchmal wird diese heimatliche Idylle gestört: Wenn die deutsche Staatsgewalt zurück grüßt, mit Haftbefehlen und Platzverweisen.
von Ullrich Starke, Johannes Brümmer
Mitarbeit: Mike Oppelt, Enrico Heitmann





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