Season Magazine

Das Magazin der Themen

Central Park surviving

Eine Nacht in der grünen Lunge New Yorks
Von Gordon Thomas / Übersetzung: Ullrich Starke

Meine Bekannten hatten mich für Verrückt erklärt. Bist du lebens­müde hatten sie mich gefragt. Ob ich das denn wirklich machen wolle, fragten be­sorgt meine Eltern. Dabei stand mein Ent­schluss schon fest: Eine Nacht im Central Park. Für viele mag das für eine ruhige Campingnacht in der grünen Lunge von Manhattan klingen, aber dem ist nicht so. In zahlreichen Reiseführen wird davor gewarnt, jenseits des Sonnenunterganges sich im Park aufzuhalten. Nachts, wenn all die Touristen und die Familien ver­schwunden sind und die Kutschen zurück in ihre Depots fahren gehört der Central Park den Verrückten, Drogensüchtigen und Dieben. In einem Reiseführer stand einmal: „Ich schlief abends in der Nähe des Great Hill ein und erwachte morgens ohne Brieftasche und Hose. Nur meine Brille hatten sie da gelassen, offenbar war der Dieb nicht kurzsichtig.“ Das hatte mich nicht abgeschreckt, ich ließ Brieftasche und Handy in mei­ner Wohnung und betrat gegen 20 Uhr den Central Park nahe der 79.th Str. Ich schlenderte durch die Anlagen vorbei am Security Center und den Tennis Courts und bog irgendwann nach links, dem Re­servoir entgegen.
Als ich am Shakespeare Garden ankam war es bereits 21 Uhr und das Licht er­reichte die Parklandschaften nicht mehr ganz. In der Nähe des Delacorte Theatre, hinter einen Busch, beschloss ich mein Nachtlager aufzuschlagen. Ich holte mir etwas zu essen aus meinen Rucksack und schaute gerade aus, der Skyline hinauf.
Allmählich wurde es dunkler, ruhi­ger und die Temperaturen sanken lang­sam auf die nächtetypischen 10 Grad. Ich zog meinen Anorak an und schau­te mich um, bzw. lauschte. Vollkom­mene Stille, nur der Lärm der Cen­tral Park West Av. kam zu mir herüber.

Mir wurde es langweilig, hoffte fast schon auf einen Besuch der gefährlichen Art. Um etwa 23 Uhr hörte ich Stimmen, die zwei Männern gehören mussten, auf mich zukommen. Ich verhielt mich still und saß wie ein Tiger in der Lauerstellung.  Die zwei Unbekannten stoppten, sa­hen in meine Richtung und gingen dann weiter. Ich wurde wahnsinnig! Von wegen Gefährlich! Hier passierte rein gar nichts! Zwar hoffte ich nicht auf eine Messerste­cherei aber wenigstens Besuch von ande­ren Obdachlosen hatte ich erwartet.  Ich legte mich nieder, schloss die Au­gen und war innerlich enttäuscht. Ich hat­te mir zuviel davon versprochen. Gegen 1 Uhr wachte ich plötzlich auf und erschrak: Zwei Penner standen vor mir und starrten mich an, einer hatte mich mit einen Stock geweckt, der andere umklammerte eine Flasche Wein.  Auf ihre Frage, ob ich neu sei und hier zum ersten Mal schlafe erwiderte ich mein Vorhaben bezüglich der Nacht im Central Park. Sie lachten lauthals los und schüttel­ten den Kopf. Gefährlich sei es hier zwar schon, aber nur in der Gegend des Harlem 46 Meer. Ich hatte mir die sicherste Stelle des gesamten Central Park ausgesucht. Hier könnte man wochenlang schlafen, ohne beraubt zu werden. Sie lachten noch, als ich mich wieder hinlegte und musste über mich selbst lachen. Damit hatte ich nun nicht gerechnet, dass ich unfreiwillig mein eigenes Abenteuer versaute. Aber auf einen schnellen Tod via Messer oder Knarre hatte ich auch keine Lust. Span­nend war es so oder so.

Auch ohne Angriffe oder Diebstähle. Ich schlief ein und erwachte früh mor­gens und richtete mich auf und erschrak abermals. Meine Schuhe fehlten, genauso mein Rucksack, den ich neben mir gelegt hatte und die ganze Nacht eigentlich um­armt hatte, falls man mir ihn doch klauen sollte.  Auch meine Uhr am Handgelenk hat­te man mir geklaut! Unglaublich, ich stand auf und ging ein wenig herum.Ich wurde beklaut!, doch noch! Im Rucksack war mein Frühstück und das vermisste ich jetzt am meisten. Die Uhr war billig, ein Geschenk meiner Schwiegermutter, die konnte ich also verschmerzen. Ich ging Richtung Ausgang 81.th Str. und machte mich auf dem Weg nach Hause.
Unterwegs dachte ich über die Penner nach und was sie gesagt hatten. Wäre ich in die Gegend des Harlem Meer geraten, hätte mir mehr als nur meine Schuhe, Uhr und Rucksack gefehlt? Gut möglich, aber das sollten Andere herausfinden. Nicht ich

Post Metadata

Date
Mai 30th, 2009

Author
season

Category

Tags

Leave a Reply