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Gangster A.D.

Rückblick auf eine schwere Zeit
Die Gegend ist ruhig, sauber also ideal für Familien. Hier lässt es sich leben. Kenneth und ich spazieren an einen Plattenladen vorbei, ein Poster an der Tür wirbt mit zwei Gangsterrappern für eine neue CD. Kenneth bleibt stehen, den einen Rapper kennt er gut. Er war ein ehemaliger Freund. Und ein ehemaliges Gangstermitglied. Wie Kenneth auch.  Angefangen hat das alles 1992, da war Kenny 17 und hatte Ahnung, was er nach der High-School machen sollte. Er hat Ta­lent, kann gut Zeichnen und ist an seinen Mac ein wahres Genie. Nur haben das nie  die anderen Firmen bemerkt. Er ist frust­riert und hat eine Wut auf alles. Durch ei­nen Kumpel landet er in eine berüchtigte Gang, deren Gangsterboss schon mal sei­ne unliebsamen Feinde mit Kopfschüssen niederstreckt.
Hier gewinnt der junge Kenneth Beach­tung, seine Muskel werden größer und sein Ruf als Schläger und Messerstecher steigen über das Viertel hinaus. Er betei­ligt sich an Raubzügen und Massenschlä­gereien. Seine Eltern wissen von all dem nichts oder wollen es nicht wissen. Da wurde viel ignoriert, einfach keine Fragen 35 season-new york
gestellt, so Kenneth heute.
Der muskelbepackte Schläger bekommt bald seinen ersten Auftrag. Er soll einen Spitzel, der für die Polizei arbeitete um die Gang auszukundschaften, erschießen. Da ist er gerade einmal 19 und bringt es nicht fertig, es zu tun. Heute ist er für seine da­malige Hemmung und Angst dankbar.  Ein anderes Gangmitglied entriss ihm schließlich die Waffe und drückte ab. 4-mal schoss er auf dem Undercover-Cop. Dabei lachte er und ermunterte Kenny es auch mal zu versuchen. Doch Kenneth muss sich übergeben, als Tei­le der Hirnmasse seinen Hals bespritzen.
Der Killer lachte mich aus, es war sei­ne fünfte oder sechste Hinrichtung, es machte ihm Spaß. Er war krank. 2005 wurde er dann selbst getötet. Seit die­ser Hinrichtung ist Kenneth nicht wohl bei dem Gedanken, ein Leben lang als Killer oder Schläger zu arbeiten.  Dabei steckt er schon tief mit drin. Er weiß viel, kennt viele Gangmitglieder mit Namen, weiß, wo sie wohnen. Austreten wird sowieso unter Todesstrafe gestellt. Um zu leben macht er weiter, schlägt sich quer durch Queens. Warum bist du nicht ge­flüchtet? Hast einfach einen Schlussstrich hinter all dem gezogen? Ich konnte nicht. Warum? Sie hätten mich gefunden, egal wo.

Damals hatte ich einfach viel zu viel Angst. Man sagte mir damals, wenn ich aussteige und mich absetze würden sie mich finden, mich töten. Ich wollte ja le­ben, zwar nicht so, aber ich hatte doch keine andere Wahl. Jeder, der verunsichert war, wurde besonders beobachtet, be­schattet und eingeschüchtert. Im Grunde genommen konnte man aus dieser Gang nur tot aussteigen. Bad Boy for Life eben.
Kenneth ist mittlerweile 25, die Gang gehört zu seinem Leben, gewisse Rituale sind Pflicht, Treffen und Aktionen regu­lieren den Tagesrhythmus. 2006: Wir blei­ben vor einer Bar stehen, Kenneth lächelt, hier war gewissermaßen der Start eines neuen Lebens und das Ende des Alten.  Wir gehen hinein, Ladenbesitzer Fred kennt uns und reicht uns 2 Buds. Ken­neth schaut sich um, das gerade hier sein Schicksal auf ihn wartete klingt sehr nach Hollywood, doch Kenneth winkt ab. Es war so, 1999 treten er und zwei ande­re Gangmitglieder in die Bar, sie wollen ein neuen Deal mit der örtlichen Dro­genszene absprechen. Kenneth Blick wird von einer gutaussehenden Dame gegenüber von ihnen abgelenkt. Seine spätere Frau Hanna*. Als die Gespräche beendet sind verlassen alle das Lokal.

Was bleibt ist die Frau in Kenneth Kopf. Am nächsten Tag geht er wieder in das Lokal, beobachtet sie. Tag für Tag geht das so, bis er all sein Mut zusam­men nimmt und sie anspricht. Sie kennt ihn, schließlich ist er in der Gegend be­kannt, kennt seine Taten und Aktionen. Doch statt sich abzuwenden, hört sie ihm zu und merkt: Hinter der rauen Fassade steckt ein kluger, kreativ begabter Kopf. Für beide beginnt damit eine harte Zeit. Noch heute redet Kenneth nicht gern mit mir darüber, die Angst war immer da, sie bleibt auch. Hattest Du Angst Kenneth? Ja klar, vor allem um Hannah, auch ihr hätte etwas passieren können. Der Weg aus der Gang war ja nicht gerade leicht, wir haben immer zusammen gehal­ten. Aufgeben kam für uns nicht in Sinn. Und dieser Ausstieg aus der Gangster­welt, der Kriminalität und der Gewalt be­ginnt an einen sonnigen Oktobertag 1999.

Mit Schweißperlen steht er vor dem leitenden Staats­anwalt für das Borough Queens. Er packt aus, nennt Namen, Adressen. Tage später wird fast die gesam­te Gang verhaftet, zum Schein für die Anderen auch Ken­neth, ein Beamter, der nicht wuss­te, dass Kenneth der Informant war, schießt ihm ins Bein. Später entschuldigt er sich dafür. Doch für Kenneth ist ein Glücksfall, so fällt der Verdacht nicht auf ihn. Kenneth wird wenig später für 10 Jahre eingesperrt, wird schon nach 3 Jahren entlassen und bekommt die restliche Zeit erlassen. Schon im Gefängnis fällt sein künstle­risches Talent auf, er bemalt einige Zellen und darf sogar den Innenhof gestalten.

Ein Angestellter vermittelt ihm einen Job in einer Agentur. Da ist man über sein Vita zuerst schockiert, doch der Gefäng­nisbeamte bürgt für ihn. Heute ist Kenneth eine unverzichtbare Kraft in der Agentur.  Er designed Websites, Magazine und hat nebenbei eine eigene Galerie in Wil­liamsburg. Ob er heut noch Angst hat, fra­ge ich ihn, als wir vor seiner Haustür in Queens stehen. Ja, zwar werde er immer noch vom FBI bewacht, doch manchmal verfolgen ihn seine Ängste sogar in den Träumen. Die vielen Toten, die Schreie.  “Ich schäme mich für das, was ich ge­tan habe. Ich habe zwar nie einen Men­schen umgebracht, aber ich habe vie­le Menschen Leid zugefügt und ihnen Schlimmes angetan. Indirekt habe ich einige Menschen auf dem Gewissen.”.
Kenneth holt eine Flasche Volvic, schaut auf das Meer hinaus und lächelt. Seine Frau ist schwanger, bald wird er Va­ter. Auf meine letzte Frage antwortet er nach langer Bedenkzeit: Nein, New York ist kein Ghetto wie LA, es gibt hier im­mer noch viele Ecken, wo man beruhigt und sicher leben kann. Auch in Queens.  New York ist unglaublich sicher, früher war das vielleicht nicht so. Vielleicht bin ich dran schuld.
Von Aaron Desset
Übersetzt von: Max Kehner
* Alle Namen von d. Redaktion geändert

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Date
Mai 30th, 2009

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season

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