Schuften im Wald

von Mareike Hermann
Sommer 2007. Meine Studienkollegen liegen am Strand, baden, feiern haben Spaß. Ich meinerseits packe meinen Koffer und breche auf nach Bayern, um Bäume zu pflanzen. Völlig unentgeltlich. Warum macht man so was. Was bringt es einen? Der DAV (Deutscher Alpen Verein) ruft jedes Jahr naturbegeisterte Aktivisten auf, in den Sommerferien in die Alpen zu kommen, nach Garmisch, Sonthofen oder anderswo. Überall kann man helfen, dass das Alpenpanorama mit den vielen Bäumen erhalten bleibt. Wochen zuvor erhielt ich eine Informationsbroschüre von der DAV. Ich musste mich entscheiden, welche Art von Baumpflanzung ich machen wollte, also an Gebirgshängen, steilen Talhängen oder doch ganz profan im leicht steigenden Wald. Seine Klettererfahrungen sollte man gut einschätzen, denn wer möchte sich später vor dem Förster und den übrigen Teilnehmern blamieren?
Ich entschied mich für Garmisch und der ungefährlichen Methode (3000 Bäume in einen leicht steigenden Waldgebiet nördlich von Garmisch) Mit dem Zug gings bis Garmisch, am Bahnhof wartete bereits ein Bus, mit mir fuhren der stete Immobilienmakler Georg, die Berlin-Tussi Gabi und der Ökohardliner Sören. Arbeiten für den DAV heisst, auf das Luxusleben zu verzichten. Unsere Unterkunft entpuppte sich als einfache Holzhütte, kein Fernseher, kein Radio und natürlich kein Internet. Langsam begann ich mich auf die Arbeit der kommenden zwei Wochen einzustellen.
So einfach, wie ich es mir das vorgestellt hatte, war es die ersten Tage 12 Wald season dann doch nicht. Es regnete, Gabi hatte schrecklichen Husten und Sören brach sich beim Setzen von Buchen das rechte Bein. Arbeiten kann gefährlich sein. In der ersten Woche lag ein Gebiet von ungefähr 3000 Quadratmeter vor uns, unser Förster Alois zeigte uns Stellen, wo wir Setzlinge pflanzen konnten. Nach und nach erkannten wir günstige Stellen von alleine und kümmerten uns um das perfekte Pflanzen.
Die Abende verbrachten wir mit anderen Teilnehmern dann an der Holzhütte, wir erzählten uns unsere Naturbeobachtungen und nicht selten deutete jemand an, dass das alles wie eine Pfadfindergruppe auf einen wirke. Gabi, die zuerst an einen Abbruch dachte, war jetzt ganz begeistert von dieser Idee. Ein Kollege hatte es ihr erzählt, als Ausgleich zum normalen Urlaub sozusagen. Fast alle Schichten der Arbeitergesellschaft haben bisher an diesen Aktionen teilgenommen. Über 3200 sind es bisher, Tendenz steigend. Der Faktor Umweltschutz zwingt viele Menschen zum Umdenken. Sie wollen handeln und landen so wie ich und viele andere bei Alois und seinen Kollegen.
Tag 11 ist mittlerweile angebrochen, die Arbeitsmoral sinkt nur leicht, langsam kann man Bäume und Alpen nicht mehr sehen. Ich sehne mich langsam nach der flachen Küste und kann das Ende der Baumpflanzung kaum noch abwarten. Vielen geht es so, doch abbrechen will keiner. Auch ein schweres Gewitter am gleichen Tag sorgt eher für Trotz als für Aufgabe. Alle fühlen sich wie in einen Abenteuer, es gibt viele Geschichten, die man später den Kollegen auf der Arbeit erzählen kann. Etwa die, als wir zu fünft in etwa 3 Stunden Ca. 8 Biber und genauso viele Kreuzotter entdeckt hatten. Wer kann so was schon von sich behaupten?
Es stellt sich allenthalben die Frage, warum der DAV zu solchen Aktionen aufruft? PR-Programme oder wichtige Hilfeleistung? Alois lacht bei dieser Frage. Er zeigt auf das Tal und dann auf die Gipfel. Auch hier spürt man langsam die Klimaveränderung. Und wenn im Frühjahr die vielen 13 Wald Bäche über die Ufer treten oder Schneelawinen ins Tal rollen fehlt oft das wichtigste: Bäume. Die mussten immer mehr neuen Hotels oder Skipisten weichen. Das rächt sich. Durch die massive Baumpflanzung versucht man das Problem in den Griff zu bekommen. Über 38 000 Bäume aller Gattungen wurden schon gesetzt damit Lawinen natürliche Schranken haben.
Fasziniert war ich während diesen zwei Wochen immer wieder über die ausgefeilte Logistik. Materialseilbahnen und Hubschrauber setzten ihre Fracht auf den vielen Plattformen oberhalb der Hütte ab. Meterweise stapelten sich dann dort die Buchen, Tannen oder anderes Gestrüpp. Anpacken war die Devise, gelohnt hat es sich trotzdem. Abends sah man sein Tagewerk und war stolz auf sich selbst. Die vielen Schwielen nahm man in Kauf, das Glücksgefühl gab es gratis dazu. Ein 25-jähriger Bochumer erzählte mir am vorletzten Tag, dass er diese Aktion zum Geburtstag geschenkt bekommen habe. Er wolle was für die Natur tun, hatte er immer wieder gesagt. Seine Eltern stießen auf die DAV und nun steht er hier und schuftet von morgens bis abends. Für die Natur. Er sieht glücklich aus. Ein besseres Geschenk habe man ihm nicht schenken können. Am letzten Tag schenkt uns Alois ein Andenken, Käse und Wurst. Typisch Bayerisch. Er dankt uns allen für die großartige Leistung. Jeder hat hier etwas getan, worum ihn niemand gebeten hat. Alle sind freiwillig hier und wurden nicht bezahlt. Trotzdem haben wir viel mitgenommen. Über die Natur, über Bäume selbstverständlich und auch über uns selbst. Erstaunt, was alles möglich ist, wenn man zwei Wochen Zeit hat, um der Natur ein wenig zu helfen.
Falls Sie auch etwas für die Umwelt machen möchten, die DAV bietet entlang der Bayerischen Alpen jeden Sommer Kurse und Aktionswochen an. Mehr Infos erhalten Sie unter: www.dav.de




