Wo liegt Vineta?

Eine Suche von Manfred Schamp
Es ist, als ob ein Geheimnis diese Ostsee umspüle, etwas mystisches in dieser gar langweiligen Gegend. Das Atlantis der Ostsee, aber wo ist sie ? Wo ist die Stadt, deren Sage nach unsagbar reich sein soll?…
Wer sich auf die Suche macht, muss zuerst begreifen und wissen, was Vineta war. Die Stadt war reich, nicht nur an Geldern, auch an Wissen und Macht. Egal ob Gold oder edle Stoffe, Vineta hatte sie. Diese Üppigkeit und der Reichtum festigten die Saga der Stadt Vineta. Doch all der Glanz verschwand in einer rauen, stürmischen Nacht am Ostersonntag. Die Stadt verschwand in den Fluten der Ostsee. Seit jeher ist die Stoff für Theaterfestspiele und wilde Spekulationen. Vineta, dass ist auch ein Stück Marketing für abenteuerlustige Touristen. Doch bleibt die Frage, wo die einstige reiche Ostseemetropole lag. Wo also liegt Vineta? Bei Ausgrabungsarbeiten in Stettin 1895 stieß man auf zwei alte bronzene Glocken, flugs verbreitete sich in der preuflischen Stadt die Kunde, dass das legendäre Vineta gefunden sei. Doch stimmt diese Aussage zu?
Fakt ist, dass verschiedene Autoren unterschiedlichen geografische Bestimmungspunkte angaben, sie sind teilweise über 1000 Jahre alt und zeugen von einer langen Tradition des Finden von Vineta. Einer dieser Autoren vermutete um das Jahr 1200 die Stadt am Strom der Oder, nicht weit ab der Halbinsel Usedom, die damaligen Flussläufe sahen anders aus, somit die Legende geboren war. Vineta, also an der Odermündung bei Stettin? Als kleiner Bursche zog es mich sommertags immer an den Strand von Koserow auf Usedom, die Wellen rauschten ebenso hin und beruhigten mich ungemein. Ich kam mit einen alten redseligen Fischer ins Gespräch. Er kannte die Sage von Vineta anders, wohl auch kannte er die Geschehenisse von Stettin, doch er glaubte dem nicht. Alles falsch, die wahre Stadt Vineta liege genau vor mir, so der greise Mann und zeigte mit seiner wettergegerbten Hand auf das Meer. Dort verschwand damals die Stadt im Meer. Er erzählte mir von unheimlichen Ereignissen, die lange zurückliegen. Wenn man ein Sonntagskind sei, könne man die Glocken von Vineta an einen Ostersonntag frühmorgens hören.
Dann erscheine die Stadt vor einem und man werde immerdar Glück im Leben haben. Der Fischer erwähnte das Örtchen Loddin, dass noch heute aus Erben von Vineta stamme. Sie hätten damals überlebt, weil sie auf dem Weg nach Usedom gewesen seien. Sie hätten sich alsdann in Loddin, nahe der verschwundenen Stadt niedergelassen und ein waches Auge auf Vineta gehabt. Damals war ich 12, ich besuchte Loddin und stiefl auf eine Wand des Schweigens. Aberglaube und Gewäsch sei das alles, fuhr man mich an. Ich ging am Strand entlang und war in Gedanken versunken. Wenn es diese Stadt gegeben hat, muss es Berichte dar¸ber geben, Handelsverträge mit anderen Städten. Doch was wäre, wenn Vineta zu einer Zeit existiert hätte, als es Rostock, Stralsund und all die anderen Hansestädte noch gar nicht gab? Ich las einmal ein Buch, das sich mit dem Mythos Vineta auseinandersetzte. Demnach war von einer Stadt die Rede, die mit Tempeln und reich verzierten Häusern beschrieben war. Also musste es die Stadt lange vor der Besiedlung der pommerischen Küste gegeben haben. Im laufe der Zeit kamen neue Geschichten über den Untergang Vinetas ans Tageslicht. Die eine lautete so: Vineta war mächtig, reich und deren Bewohner genossen ein Leben in Üppigkeit und Verschwendungssucht. Andere Städte wurden alsbald neidisch auf diese Stadt und wollten sich ihrer habhaft machen. Ein Krieg entbrannte der das Schicksal der Stadt besiegelte. Dieser Geschichtsquelle nach waren die Dänen die Schuldigen, sie wollten die Stadt sich einverleiben und metzelten die Bewohner grausam nieder, was sie nicht an Besitztümer habhaft wurden, verbrannten sie. Damit zerstörten sie letztendlich auch die Stadt. Sie brannte nieder.
Diese Quelle war natürlich erlogen, sie beweis zwar die Zerstörung, aber nicht ihr verschwinden von der Erdoberfläche. Nein, diese Sage ist wie viele andere auch erlogen. Doch vor einiger Zeit las ich ein Buch, welches ich in einer alten antiquarischen
Bücherei in Stralsund fand. Das Buch war alt und zerlesen doch der Inhalt war sehr interessant. Sie enthielt Karten von alten Uferlinien der Ostsee, eine Karte zeigte die ungefähren Verläufe der Strandlinien vor rund 1000 Jahren. Was ich dort las, versetzte mich in Aufruhr. Dieser Karte nach, könnte Vineta tatsächlich auf Usedom gelegen haben! Jahrzehntelanges Abtragen
von Sand und die St¸rme erzeugten die heutige Uferlinie, doch damals war dieser Abschnitt anders beschaffen. Vineta soll auf einem Vorsprung, etwa 500 Meter vom eigentlichen Strand gelegen haben. Vineta war also eine Insel vor der Halbinsel.
Mir fiel der Ort Loddin wieder ein, auch das Achterwasser konnte ich damit in Zusammenhang bringen. Das Buch will von einer gewaltigen Sturmflut wissen, die damals auf Rügen und Usedom zurollte. Eine alte Quelle erzählt in diesem Buch, dass durch die groflen Sturmwellen, die tagelang wüteten, Hiddensee von Rügen getrennt wurde. Auch von einer Stadt, die nördlich von Anklam gelegen haben soll, soll durch die Fluten überschwemmt geworden sein. Damit kann nur Vineta gemeint sein !
Das Buch zog mich immer mehr in den Bann, es gebe Bücher, die über die Katastrophe berichten würde, so das Buch. Doch wo die Bücher liegen, verriet es mir nicht. Heute bin ich alt, an Vineta glaube ich immer noch, vielleicht werde ich es in meinen Leben nicht mehr sehen, aber das empfinde ich als nicht weiter tragisch. Vineta ist in den Büchern als eine Art Mythos verankert, es ist ein Ort für Zweifler, Archäologen und Heimatforschern. Doch finden wird man es nie, es ist ein Ort, wo der Wille und Glaube Vineta zum Leben erweckt. Jedes Kind kann es finden, vorrausgesetzt, es ist dazu bereit.
Manfred Schamp starb 2007. Die Geschichte zeichnete er im März 2004 auf.





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