Einmal Europa und zurück

Klaus B. lebte die Globalisierung, Belgien, Dänemark und Österreich.
Ein Lehrstück über die Bedeutung von Arbeit. Von Ullrich Starke
Wenn man Klaus B. nach den Schönheiten Dänemarks, Belgiens oder den Niederlanden fragt, zuckt er nur die Schultern. Klaus kennt aufler den Industriehallen und Autobahnen kaum etwas über die Ländern. Muss er auch nicht, denn Klaus ist ein Wanderarbeiter, für Kultur und Natur bleibt keine Zeit…
Es ist das typische Märchen über Globalisierung, über Zeitarbeit und die traurige Erkenntnis, dass man für Geld überall hin geht. Mai 2000. Die Geschäfte einer Ludwigsluster Metallbaufirma laufen schlecht, immer öfter werden die Arbeiter nach Hause geschickt, müssen warten, warten und warten. Klaus B. ist frustriert, so hat er sich seine Zukunft nicht vorgestellt. Im Juni 1998 ist er nach Ludwigslust gekommen, blühende ostdeutsche Landschaften sollten entstehen, doch Kohls Verheißung war ein Märchen, statt blühender Landschaft gibt es viel Tristesse und dazwischen braune aufkeimende Gedanken. Klaus fühlt sich wohl in der Ludwigsluster Firma, noch gibt es Aufträge, seine Frau findet Arbeit als Bürokauffrau, das Haus ist geplant, die Zukunft soll sich um Ludwigslust abspielen.
Doch das Jahr in der Jahrtausendwende fangen schlecht an, erste Entlassungsgerüchte tauchen auf, Mai 2000 wird die Stimmung in der Firma schlechter, es riecht nach Pleite. Ein Freund von Klaus zeigt Flyer über Arbeitsangebote in Holland herum, Klaus ist dagegen, er will hier bleiben. Sein Freund wird ein Monat später entlassen, ein Jahr später bekommt er Post von seinen Freund - aus Spanien. Ende 2000, kurz vor Weihnachten ruft der Chef die restliche Truppe in sein Büro. Er kündigt allen. Die Firma ist pleite. Für Klaus bricht eine Welt zusammen, er sitzt zuhause unruhig herum, er denkt an seinen Freund in Spanien, er denkt an Arbeit in fremden Ländern und er denkt an seiner Frau. Für B. ist es eine schwere Zeit. Anfang 2001 trifft er einen alten Bekannten wieder, er hat Arbeit in den Niederlanden, verdient viel Geld und bietet Klaus einen Job in Dänemark an. Das Geld lockt, denn die Schulden des Hauses müssen abbezahlt werden. Zwei Wochen später verabschiedet er sich frühmorgens von seine Frau, Tränen flieflen, 4 Wochen Trennung liegen vor ihnen. Die Arbeit in Dänemark ist hart, doch die Bezahlung machen Trennungsschmerz und Müdigkeit wieder weg. Eines Abends ruft seine Frau an, Klaus B. wird Vater, sein Leben läuft gut. In den nächsten Monaten spielt sich der immer gleiche Rhythmus ab, 4 Wochen Urlaub, 4 Wochen Arbeit. Zunehmend fordert die Schwangerschaft die beiden heraus, es wird gestritten und eine Frage drängt sich immer wieder aus: Wie soll es weiter gehen? Die werdende Mutter will das Kind nicht allein großziehen. Ende 2001 kommt Sohn Lukas auf die Welt, Klaus ist wieder arbeitslos, Zeitarbeit ist eben keine langfristige Sache. Wieder sitzt er lustlos zuhause herum, das Kind treibt ihn zum Wahnsinn, er muss raus, weit weg…arbeiten.
Er trifft sich abends mit alten Arbeitskollegen, sie haben neue Arbeit gefunden: Trinken von morgens bis abends. Klaus ist 32, so will er nicht enden. Er sucht eine Zeitarbeitsagentur auf und wird nach Belgien vermittelt. Seine Frau ist dagegen, sie braucht keinen Mann, der sich nur alle 4 Wochen um den Sohn kümmert. Eines morgens ist sie weg. Klaus ist allein.
Er reist nach Belgien, seine Fähigkeiten sind gefragt, er fühlt sich gebraucht. Im fernen Belgien verschwindet die Trauer und der Schmerz über das Ehe-Aus. Als er 5 Wochen später nach Ludwigslust fährt, ist die Wohnung leer, seine Ex-Frau hat alles mitgenommen. Die 4 Wochen Urlaub verbringt er trauend vor dem Fernseher, in der Hand eine Flasche Korn. Klaus B. träumt nachts von seiner Frau und davon, wie man sich schnell und schmerzlos umbringt. Arbeit schafft Leere. Als er wieder in Belgien ist bekommt er ein Angebot aus Österreich, es ist die Rede von viel Geld, viel Arbeit und die Möglichkeit eventuell neu im Alpenland anzufangen. Klaus überlegt und sagt zu. Aus dem fleifligen Arbeiter aus Ludwigslust wird ein Fallbeispiel für die Globalisierung. Er pendelt nun ständig zwischen Deutschland und Belgien, Deutschland und Österreich und für ein halbes Jahr auch noch Deutschland und die Niederlande hin und her. Sein Zuhause ist die Autobahn, die Raststätten seine Küchen. Er kennt fast alle Autobahnstrecken auswendig.
Mittlerweile ist Klaus 35, das Jahr 2005 ist fast vorbei, er kann nicht mehr, er fühlt sich einsam, Nutten und Alkohol helfen da auch nicht. Silvester 2005 sitzt er mit Freunden zusammen, daheim in Ludwigslust, er sieht müde aus, seine Bekannten aus alten Tagen erkennen ihn fast nicht wieder. Mit 35 sieht er aus wie 50. Wenn graue Haare und Falten ein Indiz für Stress und Hast sind ist Klaus ein gutes Beispiel. Global heißt, weg von der gewohnten Heimat, hinein ins International Business. Klaus B. kennt nach vier Jahren Zeitarbeit Europa ziemlich gut. Der Tag, als die Sehnsucht zurückkommt schleicht langsam auf ihn zu, er hat genug, er will Heim. Die Luft ist raus, Klaus kündigt und fährt am selben Tag Richtung Heimat. Die Zeit zuhause ist wie Urlaub, er tankt Kraft und genießt die Ruhe. Nebenbei bewirbt er sich, weiter als Hamburg will er nicht.
Im Sommer 2005 klingelt eines Nachmittags das Telefon. Es ist quasi der Anfang vom Ende und ein Neustart für Klaus. Globalisierung adé. Er hat die Aussicht auf einen Job in Hamburg, als Schweißer auf einer groflen Werft. Der Schiffsbau boomt, Klaus hat Glück. Seine ehemalige Frau sieht er selten, seinen Sohn alle 2 Wochen.
Sie verstehen sich, die Mutter gibt sich tolerant, Vater und Mutter halten Kontakt ohne sich näher zu kommen. Wenn man Klaus B. fragt, ob er seine Zeit als Zeitarbeiter bereue verneint er entschieden. Ehe-Aus? Single? Das alles wusste er auch vorher, das Risiko, dass eine Ehe so was aushalte sei groß. Globalisierung macht irgendwie einsam. Arbeit muss sein, Arbeit führt zu Bestätigung, Glück und Erfolg. Doch wo die Grenze zwischen Zwang und Freiheit verläuft, weiß er auch nicht.
Sommer 2007, er sitzt am Strand von Warnemünde, er wirkt glücklich, überhaupt fiel dieses Wort öfter während unseren Gesprächs. Klaus steht für Globalisierung, für die Arbeit fernab der Heimat. Die Chance in Mecklenburg-Vorpommern Arbeit zu finden sei zwar gut, doch das Risiko auf vorzeitige Entlassung dafür überdurchschnittlich hoch. Heute ist Klaus 37, er hat eine schˆne Altbauwohnung in Hamburg, im Flur hängt ein Bild aus alten Tagen. Klaus sieht es an, es ist eine Mahnung, so will er nicht mehr leben. Nie wieder.





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